Die Vorschulpubertät

Wie wir unsere Kinder gut begleiten

Vielleicht kennen Sie das: Eben gerade war alles in Ordnung. Sie haben die Herausforderungen der Autonomiephase mit ihrem Kind gemeistert und hatten gerade das Gefühl, dass es leichter geworden ist.

Ihr Kind wirkte angekommen und in sich ruhend. Sie wollten sich sicher gerade entspannt zurücklehnen und die Zeit bis zur Pubertät genießen, als sie plötzlich das Gefühl hatten, in die Vergangenheit katapultiert worden zu sein.

Auf einmal sind sie wieder da, die Wutanfälle. Begleitet werden sie von verschiedenen anderen Dingen, die ihren Alltag nicht gerade entspannter machen. Vielleicht diskutiert Ihr Kind gerade mehr mit Ihnen und stellt alles in Frage, was eben noch galt. Vielleicht ist es oft weinerlich oder eher aggressiv. Und eventuell hören sie im Moment häufiger den Satz: „Mir ist langweilig!“

Herzlich Willkommen in der Vorschulpubertät!

Als Vorschul- oder Wackelzahnpubertät wird die Alterspanne von etwa fünf Jahren bis ins späte Grundschulalter bezeichnet. In dieser Zeit verändert sich für unsere Kinder einiges. Zum einen findet ein körperlicher Umbau statt – der Gestaltwandel vom Klein- zum Großkind. Vielleicht ist Ihnen schon aufgefallen, dass Arme und Beine in letzter Zeit länger geworden sind und der kindliche Körper insgesamt schlaksiger. Auch das Gesicht verändert sich, denn für die bleibenden Zähne, die in den nächsten Jahren kommen, muss auch der Kiefer sich umbauen. Unsere Kinder verlieren rein optisch langsam ihr süßes Kleinkindschema.

Auch das Gehirn unserer Kinder hat sich verändert. Sie können nun Zusammenhänge besser durchschauen und haben einen großen Sprung im Bereich des logischen Denkens gemacht. Genau das bringt sie dazu, uns stärker zu hinterfragen, Regelungen neu ausdiskutieren zu wollen und sich und ihre Sichtweise zu vertreten.

In der Vorschulphase beginnt für unsere Kinder ein Prozess der Identitätsfindung. Während wir vorher ihre einzigen Orientierungspersonen waren, kommen nun andere Menschen hinzu. Freundschaften werden wichtiger und die Kinder suchen ihren Platz unter gleichaltrigen. Im Zusammensein mit ihren Freundinnen und Freunden wachsen sie und lernen sich selbst besser kennen. Das ist jedoch zuweilen ziemlich anstrengend. Streit mit Freunden, Tränen und auch körperliche Kämpfe gehören zu diesem Prozess dazu und sind kein Grund zur Beunruhigung, auch wenn sie uns häufig an unsere Grenzen bringen.

Eine wichtige und zuweilen anstrengende Entwicklungsphase

Anders als der Begriff Pubertät vielleicht vermuten lässt, ist die Wackelzahn- oder Vorschulpubertät keine Vorstufe des großen, hormongesteuerten Umbaus, der später kommt. Sie ist eine eigenständige und wichtige Entwicklungsphase – und eine, die für Eltern wie Kinder zuweilen sehr anstrengend ist.

Es geht in dieser Phase – wie so oft in der kindlichen Entwicklung – um Wurzeln und Flügel. Unsere Kinder fliegen ein Stückchen weiter in die Welt hinaus. Vielleicht trauen sie sich jetzt erste eigene Wege allein zu, wollen allein die Brötchen fürs Frühstück am Wochenende holen oder den Weg zur Schule nicht mehr mit Ihnen, sondern mit ihren Freunden bewältigen. Sie wachsen in mehrerlei Hinsicht über sich hinaus, nur um dann auf einmal wieder ganz klein zu werden. Vielleicht sind sie am Morgen noch allein draußen unterwegs gewesen, nur um abends ängstlich in ihr Bett zu kriechen. Das wäre zumindest ein recht typisches Merkmal für die Vorschulpubertät.

Das Bindungsband, das uns mit unseren Kindern verbindet, ist wie ein Gummi, es dehnt sich so weit, wie wir es in diesem Moment brauchen, nur um dann umso stärker zurückzuschnellen.

Kinder brauchen unsere Unterstützung

Was Kinder in dieser Phase brauchen, ist unsere Rückenstärkung – und zwar in beiden Situationen. Wir müssen den Mut finden, sie ein Stück loszulassen, wenn sie fliegen wollen – und das Verständnis aufbringen, dass sie uns auf einmal wieder ganz nah brauchen.

Die Diskussionen mit ihnen können in dieser Phase anstrengend sein. Wer lässt sich schließlich gern andauernd hinterfragen oder hat im hektischen Alltag den Nerv, jede bisher funktionierende Absprache neu auszudiskutieren?

Doch es lohnt sich, genau hinzuschauen. Denn viele Rückmeldungen, die unsere Kinder in dieser Phase für uns haben, sind sehr wertvoll für unsere Beziehungen zu ihnen. Sie zeigen uns nämlich, dass die Kinder neue Zusammenhänge erkannt haben, Situationen neu einschätzen können und ganz andere Fragen ans Leben haben. Nicht immer werden wir ihnen soweit entgegenkommen können, dass wir all ihre Wünsche berücksichtigen und zu allem Ja sagen können, doch darum geht es auch nicht.

Kinder brauchen Klarheit

Was Kinder in dieser Phase wirklich wollen ist, dass wir sie sehen und ernst nehmen. Sie möchten, wie jeder Mensch, wertgeschätzt und angehört werden. Allein das löst positive Gefühle in ihnen aus und sorgt dafür, dass es ihnen später einmal leichter fällt, für sich einzustehen.

Gerade weil es jedoch nicht möglich sein wird, alles im Familienalltag so zu verändern, dass es den Wünschen des gerade wachsenden Kindes entspricht, braucht unser Kind in dieser Phase noch etwas anderes von uns: Klarheit. Es ist wichtig, dass wir uns in dieser Phase klarmachen, für was wir stehen, was uns wichtig ist und wo unsere persönlichen Grenzen sind – und das wir diese auch vertreten. Nicht von oben herab, nicht ohne Mitgefühl mit unserem Kind, dem wir vielleicht gerade etwas wirklich heiß Ersehntes nicht geben können – aber klar.

Wichtig ist hierbei jedoch wirklich gut zu hinterfragen, wo eigene Grenzen liegen und was unseren Werten entspricht. Ein paar wenige, aber ernst genommene „Neins“ sind besser als viele Einschränkungen und Verbote, an die wir uns dann vielleicht selbst gar nicht halten können.

Kinder sind keine kleinen Teenager

Nicht zuletzt finde ich es wichtig, dass Eltern sich in dieser Phase auch immer wieder bewusst machen, dass ihre Kinder in dieser Phase keine kleinen Teenager sind. Sie sind immer noch Kinder und auch wenn manche Verhaltensweisen uns glauben lassen, sie wären kurz vor der richtigen Pubertät, sind sie es noch lange nicht. Sie müssen Kinder sein dürfen. Wenn ihnen langweilig ist, dürfen sie das aushalten und kreativ werden, sie brauchen keine pädagogisch wertvoll verplante Freizeit. Wenn sie Nähe brauchen, müssen sie diese bekommen – auch körperlich. Auch wenn Freunde wichtiger geworden sind, bleiben wir doch noch für einige Jahre ihre wichtigsten Menschen und sie brauchen uns als starke Begleiter an ihrer Seite.

Diese Phase ist übrigens nicht nur anstrengend, sondern auch schön. Immerhin haben wir die Gelegenheit, live dabei zu sein, wie sich Persönlichkeiten entwickeln und wie unsere kleinen Kinder zu großen wachsen und das ist manchmal wahrlich beeindruckend.

Trotzdem weiß ich sehr gut, dass solche Veränderungen uns Eltern manchmal mit Sorgen und Nöten zurücklassen, die sich nicht so einfach durch einen Mut machenden Artikel auflösen lassen. Manche Herausforderungen, die Kinder heute an uns stellen, sind schwierig. Uns fehlen Lösungsansätze und Vorbilder und wir haben das Gefühl, allein mit unserem Problem zu sein. Meistens hilft eine Sicht von außen schnell, wieder auf einen guten Weg zu kommen.


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